6. Der Bauer von Mukondo

Händlerinnen auf dem Straßenmarkt in Butembo 5

Man erzählte mir eine Geschichte, die ich Euch weitergeben möchte. Sie handelt in der Zeit, als die Nduma Mukondo
1erobert hatten und alle versuchten, von dort weg zu kommen.

Kevo ist ein Bauer aus Mukondo. Wie die meisten Bauern in diesem Dorf hielt Kevo es für eine gute Idee, mit seiner Familie wegzuziehen und einen guten Teil seiner Güter nach Buyinga zu schicken, um den Schikanen der neuen Besatzer und überhaupt dem Krieg zwischen den beiden Gruppen der Maimai zu entgehen. Seine Frau und fünf seiner Kinder gingen bereits weg, um in Buyinga zu leben. Die beiden anderen, die ältesten, also das Mädchen Masika und deren jüngerer Bruder Muhindo blieben bei ihrem Vater, um ihm bei den Arbeiten auf dem Feld zu helfen. Jeder hatte eine andere Aufgabe. Masika, die Arbeiten im Haushalt und Muhindo musste das Schwein und die Meerschweinchen hüten. Die zwölf Ziegen waren bereits nach Buyinga gebracht worden. Es war das dritte Kind, der junge Kambale, der sie weggebracht hatte und sie im Busch in der Nähe von Buyinga hütete.

Uleda und Joade vor einem modernen Verkaufsladen in Butembo.5

Mughole, die Frau von Kevo, war eine besondere Frau. Sie hatte sich als Reishändlerin etabliert. Sie hatte das von ihrer Cousine Mutsere gelernt und schnell den Reishandel begriffen.

Kevo sandte regelmäßig Lebensmittel an seine Frau: Reis, Maniok und Tarowurzeln. Für die zwei Mahlzeiten am Tag nahm seine Frau die Taro und das Maniok, das ihr Gatte aus Mukondo geschickt hatte. Sie gab den Kindern gegrillte Taro mit Palmöl zu Mittag und Maniokbrei zum Abendessen. Die kleinen Partien Reis, die ihr Mann Kevo schickte, wurden als Startkapital für den Handel genutzt.
Schlau, wie sie war, verkaufte sie den Reis und schickte das erhaltene Geld an ihren Mann, um auf dem Markt ungeschälten Reis zu kaufen. Der in Katanga findet jeden Samstag statt und in Vutumbe am Dienstag.
Der ungeschälte Reis wurde dort in Mukondo direkt geschält, bevor er mit dem Taxi zum Markt in Buyinga gebracht wurde. Die internationalen NGO2s verteilten regelmäßig Lebensmittel an die Kriegsflüchtlinge von Mukondo.
Das machte vieles einfacher.

Madame hatte noch einen anderen Trumpf im Ärmel. Gott hatte sie mit einem ebenmäßigen Körper ausgestattet. Mit Hilfe ihrer Cousine Mutsere verwandelte sie sich schnell in eine außerordentliche Schönheit. Und siehe da, die Handelswaren verkauften sich doppelt so schnell.

Tatsächlich kauften besonders die männlichen Kunden gern in dem Laden, den sie sich mit der Händlerin Mutsere teilte. Die Waren der beiden Damen gingen schnell weg und sie konnten ein angenehmes Leben führen.

Da die guten Gelegenheiten im Leben rar sind, beschloss Madame Mughole, ihren Gatten aufzufordern, ihr seinen ganzen Vorrat an Reis, den sie in Mukondo gelagert hatten, zu schicken, um ihr Geschäftskapital zu erhöhen.
Dann könnte auch Kevo und die beiden Kinder Mukondo verlassen, um ein leichteres Leben in Buyinga zu haben.

Julienne und Josef in der Küche des Hauses in Katwa/Butembo5

Doch bevor ihr Gatte den Vorschlag annahm, beschloss er, einige Tage in Buyinga zu verbringen, um die Situation selbst in Augenschein zu nehmen.

Kevo: Ich bewundere dich, Madame, für all das was du tust, um das Leben unserer Familie hier in Buyinga zu sichern. Du hast es geschafft ein gutes Kapital zusammenzulegen, indem du immer einen Teil der Lebensmittel verkauft hast, die ich dir vom Feld geschickt habe. Die Ahnen haben dich wirklich gesegnet.

Mughole: Das ist gut. Du siehst, auch wir können im Leben erfolgreich sein.

Deshalb denke ich, dass wir allen Reis verkaufen sollten, der uns bleibt, um unser Kapital aufzustocken. Außerdem leiden Masika und Muhindo sehr in Mukondo, auch sie sollten kommen und bei mir wohnen. Masika kann mir bei der Hausarbeit helfen, so kann ich mehr Zeit ins Geschäft stecken. Momentan gehe ich Donnerstags und Montags auf den Markt in Buyinga. Ich könnte dann auch die Märkte von Muhangi am Freitag und Dienstag besuchen und Kalundu am Samstag und Mittwoch.

Kevo: Du hast recht. Morgen kehre ich nach Mukondo zurück, um alle meine Säcke auf Mototaxis zu packen. Ich bleibe alleine in Mukondo bis unsere Sau geferkelt hat. Ich bleibe noch höchstens drei Wochen. Ich werde dann die Ferkel verkaufen, direkt nachdem sie entwöhnt sind und damit auch noch mal unser Kapital aufstocken. Bist du sicher, dass du erfahren genug bist, um so eine große Menge Geld zu verwalten?

Mughole: Sicher! Du hast selbst bemerkt, dass der Reis schnell umgeschlagen wird. Die Taximen kommen selbst bei mir vorbei um zu fragen, ob ich nicht Waren von Mukondo aus zu transportieren habe. Und ich versichere dir, Masika kann bereits eine Menge. Ich denke auch, hier in Buyinga wird sie uns nützlicher sein.

Ein gewisser Muyomba tritt bei Kevo ein.

Mughole: Willkommen mein Bruder. Setz dich. Was gibt es neues?

Muyomba : Ich bin gekommen, um meinen Schwager zu sehen und ihm zu dem Entschluss zu gratulieren, mit der Familie hier her nach Buyinga umzuziehen. Du siehst jetzt selbst, dass sie gut hier zurecht kommt, ohne ständig auf dem Feld zu schwitzen. Siehst du nicht, dass sie zugenommen hat und dass sie angefangen hat, ihre Haut zu pflegen?

Maimai Frauen, zu denen Julienne gepredigt hatte.5

Schöne Frauen sollten einen Platz haben, wo sie sich heimisch fühlen, nicht wahr?

Kevo: Du hast recht. Ich selbst zweifle nicht an den Fähigkeiten meiner Gattin, fernab von den Feldern zu leben. Und ich finde sie auch wirklich schöner und sauberer. Ich habe bereits beschlossen, nach Wegen zu suchen, auf denen ich sie noch besser mit Kapital ausstatten kann. Deine Nichte Masika und dein Neffe Muhindo sollten auch bald hier eintreffen. Morgen kehre ich nach Mukondo zurück. Die Kinder sind dort eine Woche lang alleine geblieben. Sie sind bestimmt froh über unsere Entscheidungen

Mughole: Bruder Muyomba. Ich habe dir immer schon gesagt, dass mein Gatte sehr verständnisvoll ist. Ich denke, mit seiner Entscheidung werden wir gut voran kommen.

Am nächsten Tag kehrt Kevo nach Mukondo zurück. Er kommt an seinem Haus an und findet dort eine Gruppe von Maimai, die anfingen zu schimpfen. Er konnte nicht mehr fliehen, daher näherte er ihnen, denn er sah seine Tochter in ihrer Mitte sitzen.

Kevo: Guten Tag, Afande3.

Niemand antwortet ihm: Nur das Mädchen scheint sich für seinen Vater zu interessieren. Sie erhebt sich und geht zu ihrem Vater. Sofort wenden sich auch die Maimai Kevo zu. Sie bedrohen Kevo mit folgenden Worten:

Maimai 1: Woher kommst du? Hast du um Erlaubnis gebeten, dich von Mukondo zu entfernen? Es ist eine ganze Woche, dass du fort warst, nicht wahr? Du bist verhaftet. Du kommst sofort mit mir in die Kaserne.
Ein anderer wandte sich zu dem ersten und schlug ihm auf die Wange. Er war der Wächter von Loti, einem anderen Afande. Sein Chef, der Afande Loti, war überrascht und schaute beunruhigt. Mit einer schnellen Bewegung griff derjenige, der die Ohrfeige bekommen hatte, seine Waffe und schoss auf den Leibwächter. Doch der Kadogo1 fiel nicht. Afande Loti fasste sich und befahl:

Stell das Feuer ein! Lasst uns in Camp zurückkehren. Dann fügte er in Richtung Kevo hinzu: Sei nicht beunruhigt. Ich erlaube niemanden, dich zu belästigen. Ich liebe deine Tochter und ich will sie heiraten. Ich komme morgen wieder und wir können mit frischen Kopf reden.

Die Maimai zogen sich geordnet zurück. Die Waffe wurde demjenigen abgenommen, der geschossen hatte. Kevo war überrascht, seinen Sohn Muhindo mit den Milizen weggehen zu sehen. Er stellte fest, dass er sogar ein Gewehr trug.

Masika: Papa, ich bin froh, dich wieder zu sehen. Ich habe Angst, Papa. Mein Bruder Muhindo und sein Freund Kaghola, der Sohn des Pastors, haben sich bei der Miliz eingeschrieben. Da der letztere bereits viel Schulbildung genossen hat, hat man ihn direkt zum Afande gemacht. Wegen ihm hat mich der böse Afande gestern nicht mitgenommen.

Schluchzend fügte sie hinzu:

Der Böse versuchte, mich mit Gewalt zur Frau zu nehmen. Gestern Abend war er dabei mich überall zu streicheln. Glücklicherweise wollten Kaghola und mein Bruder mich besuchen und kamen noch rechtzeitig. Kaghola kam, um mir Geschenke zu bringen, ein neues Kleid, ein Paar Sandalen und Schmuck.

Kevo: (Mit einer Mischung aus Angst, Überraschung und Ablehnung):

Was sagst du da? Muhindo ist Maimai geworden? Und du, du bist erst 15 Jahre und hast drei drängende Freier und dazu noch alles Maimai!

Junge Mutter5

Masika: Ich habe dir nie vorher davon erzählt, Papa. Kaghola umwirbt mich erst seit kurzem, um mich in ihr Lager mitzunehmen. Ich habe ihm immer gesagt, dass ich noch nicht ausgewachsen genug bin, um mit einem Mann zu schlafen. Im übrigen würdest du das nicht akzeptieren wegen seines Berufes.

Das ist wahr, denn du bist nur ein Kind, meine Tochter. Du musst noch erwachsen werden, bevor du an eine Hochzeit denkst. Aber wie kommt es, dass es ein anderer Afande ist, der dich heiraten will und nicht der Sohn des Pastors?

Masika: Ich weiß es nicht. Ich kenne den überhaupt nicht, der vorhin mit dir gesprochen hat. Papa, du musst mir erlauben, weg zu gehen zu Mama nach Buyinga, bevor es zu spät ist.

Kevo: Du hast recht. Aber wenn du gehst, bevor die Sau geworfen hat, habe ich Probleme. Du hast gehört, dass der Afande, der versucht hat, den Kadogo4 zu töten, mich angeklagt hat, Mukondo ohne Genehmigung zu verlassen. Der andere schien mich verteidigt zu haben. Ist es nicht, um deine Hand zu erhalten?

Masika ist noch ein Kind von gerade 15 Jahren. Sie liebt den Afande Kaghola, den Freund ihres Bruders, aber ihr Vater will sie auseinander sehen, wegen seines Berufes. Der erste Maimai ist höher im Rang als Kaghola. Er hat Masika auf dem Markt gesehen und gewusst, dass es die Verlobte seines Kollegen ist, aber er wollte sie schwängern, um den Favoriten auszustechen.

Lastmotorrad5

Nachdem er gehört hatte, dass der erste Maimai zu Kevo gegangen ist, zahlte Kaghola ein Trinkgeld an Afande Loti, damit dieser die Avancen seines Konkurrenten stoppt. Nachdem Loti die jugendliche Schönheit von Masika gesehen hatte, entschied er, auch sein Glück zu versuchten. Der Konflikt, den die drei Konkurrenten verursacht hatten, riskierte blutig zu enden. Darum entschied der alte Kevo, nachdem er mit seinem Nachbarn Kasyakuli gesprochen hatte, in der Nacht seinen Rohreis Richtung Buyinga zu verfrachten. Er machte 4 Touren ganz allein nach Vutume, zu einem Kollegen. Dann weckte er seine Tochter Masika, um ihm zu helfen.

In Vutumbe, entschied er, dass Masika nicht mehr nach Mukondo zurückkehren soll, denn man kann nicht wissen, was passieren würde. So kehrt er allein nach Mukondo zurück und ließ Masika bei seinem Kollegen. In Mukondo angekommen zögerte er bei der Entscheidung, was zuerst zu transportieren. Den Rest des Rohreises oder seine restlichen Güter. Schließlich entschied er sich für das Bettzeug und die Kleidung. Glücklicherweise war das Schwein weit genug im Busch versteckt, um es gegen die Schweinepest zu schützen.

In Vutumbe angekommen, wollte er Masika wecken, um sich mit ihr auf den Weg zu machen, aber ihr Gastgeber meinte, dass es doch schon dämmert. Er schlug vor, sich während des Tages im Haus auszuruhen und in der kommenden Nacht weiter zu fahren. Die nächste Nacht fuhren sie nach Buyinga. Ihr Gastgeber übernahm die Aufgabe, ihre Sachen mit den Taximen nach Buyinga nachzuschicken.

Kevo kam mit seiner Tochter Masika in der Nach in Buyinga an. Es war bereits Mitternacht. Er klopfte an die Tür seines Hauses und rief:

Madame, wir sind es, öffne die Tür.

Zuerst antwortete niemand. Dann hörte sein Sohn Kambale den Ruf seines Vaters, wachte auf und öffnete die Tür.

Kambale: Ich habe sehr tief geschlafen, Vater. Guten Tag, meine Schwester Masika.

Masika: Guten Tag, wo ist Mama? Sie ist ganz sicher nicht da, denn es hätte nicht lange gedauert, bis sie Papas Ruf gehört hätte.

Kambale: Sie hat Mama Mutsere begleitet. Wir gingen zu Bett, bevor sie zurück gekommen sind.

Kevo: Weißt du, wo sich das Haus von Mama Mutsere befindet? Ich sollte gehen und deine Mutter holen.

Straße in Buyinga5

Kambale: Mutsere wohnt in der ersten Tür am Reislager, am Haupteingang zum Markt.

Kevo ging direkt in Richtung zum Markt. Als er an dem Ort ankam, den ihm sein Sohn Kambale genannt hatte, bemerkte er drei betrunkene Kerle die den Raum von Mutsere verließen. Dank des Mondscheines konnte er Mutsere erkennen, die taumelnd fortging, während seine Frau und sein vermeintlicher Bruder Muyomba schnell in das Zimmer von Mutsere zurückkehrten, die Tür hinter sich verschlossen und die Lampe löschten.
Kevo wusste nicht, auf welchem Fuß er tanzen sollte.

Nachdem er sich gefasst hatte, beschloss er zurück zu kehren und seine Frau bei sich zu erwarten. Nachdem er zu Hause angekommen war, täuschte er seinen Sohn und erzählte ihm, dass er zurückgekehrt sei, um sich zu erholen.

Uns reichts! Wir sind dann mal weg zur Jagd.5

Das Leben spielt einem schon manchmal übel mit. Hatten die Geister der Ahnen seine Frau wirklich gesegnet? Darauf hätte er vielleicht verzichten können. Auch bei Christen kommen ähnliche Sachen vor, doch die meisten halten sich an Gottes Gebote, wie z.B. nicht die Ehe zu brechen.

April 2017

1 Mukondo liegt westlich von Tandandale, ca 10 km entfernt.

2 NGO Nicht Regierungs Organisationen, hier wohl die Welthungerhilfe. Sie verteilen Lebensmittel unter den Flüchtlingen. Das macht in einer Gegend, die Lebensmittel im Überschuss produziert nicht so viel Sinn, wie eine Investition in Arbeit.

3 Soldat, bzw. Offizier bei den Nduma-Maimai.

4 Kadogo ist ein Soldat bei den Nduma. Es kann Kindersoldat oder auch Kadett bedeuten. Es enthält das Wort Ndogo, klein.

5 Alle Bilder sind Beispielbilder zur Illustration und haben mit der Geschichte nichts zu tun!

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